Ich hätte im Traum nicht gedacht, dass ich doch noch einen ganzen Text über den Wal schreiben würde, der ein paar Kilometer Luftlinie von mir entfernt auf einer Sandbank liegt…
Auch ich verfolge seit nunmehr 4 Tagen die aktuelle Rettungsaktion um das majestätische Tier. Ich war fasziniert von der Idee, mit der sie diesen Giganten (aus der Sicht eines Herings betrachtet) hinausschleppen wollten in die Nordsee, in seine Heimat.
Irgendwie hat mich diese Idee berührt, denn so hätte er doch die Möglichkeit gehabt, wenn schon nicht gesund zu werden, so doch wenigstens zu Hause zu sterben. Diesen Gedanken fand ich schön. Vielleicht auch, weil ich selbst immer noch hin und wieder ein bisschen Heimweh habe…
Nun ist aber Planung – wie so oft im Leben – halt das eine und die Realität dann oft ganz anders. Kurz: Der Wal hat sich anders entschieden. Statt brav auf seinem ruhigen Fleckchen in der Kirchsee zu verweilen, bis sich Plane und Netz um seinen massigen Körper schmiegen konnten, hat er gestern Morgen beschlossen, dass es nach genau drei Wochen doch mal wieder Zeit für einen kleinen „Wasserspaziergang“ wäre, und hat sich, nach einem kurzen Abstecher in den Kirchdorfer Hafen, schließlich auf eine andere Sandbank gelegt. Erschöpft von der vielen Bewegung nach dieser langen Zeit des Ausruhens vorher. Was jetzt mit ihm geschieht… keiner weiß es. Aktuell versuchen sie wohl erneut ihn zu mobilisieren, wobei ich persönlich mich doch frage, ob das überhaupt gelingen kann. Wenn ein solch großes Tier, nach einer Strecke von 3 km bereits so kraftlos ist, dass es erneut eine Sandbank aufsuchen muss und sich dort auch nicht mehr weg bewegt, wie soll es dann den weiten Weg zurück in die Heimat schaffen (zumal ich nicht glaube, dass er einfach die Abkürzung über den Nord-Ostseekanal nehmen könnte…)? Was nun aus ihm wird, ich weiß es nicht.
Heute morgen nun, als ich in die Küche kam, um noch einen Schluck zu trinken, bevor ich mich dann auf den Weg zum Dienst machen wollte, sah ich in meinem Glas eine kleine Fliege schwimmen. Für mich stand es außer Frage, diesem kleinen Wesen schleunigst da raus zu helfen und es trocken zu pusten. Manche mögen den Kopf schütteln, aber ich tue das tatsächlich jedes mal. Ich rette JEDE, noch so kleine Fruchtfliege aus sämtlichen Flüssigkeiten und puste sie solange bis sie ihre Flügelchen wieder auseinanderfalten kann. (Auf die gleiche Weise habe ich übrigens auch schon mal einen Schmetterling gerettet, den wir zuvor aus der Nordsee gefischt hatten, aber das nur am Rande.)
Während ich also nun dieses kleine Wesen auf meiner Hand sitzen sah und es vorsichtig trockenpustete dachte ich bei mir, wie viele dieser ganzen Walretter da draußen – und damit meine ich nicht nur die Menschen der Rettungsinitiative oder unseren werten Umweltminister, sondern auch die vielen die momentan auf Poel campieren oder laut ihren Unmut über die vermeintliche Unfähigkeit der Experten im Internet kund tun – wie viele von diesen ganzen Menschen also würden sich tatsächlich die Mühe machen eine Fliege, eine Spinne, eine Motte oder auch eine Mücke aus dem Wasser zu retten… Was entscheidet eigentlich darüber, ob ein Leben rettenswert und damit lebenswert ist oder nicht? Warum haben die kleinen, lästigen, manchmal auch ekligen Tierchen in unseren Augen weniger Daseinsberechtigung als die großen, majestätischen oder die, die schön anzuschauen sind? Warum fällt es uns so viel leichter, eine Fruchtfliege ertrinken zu lassen oder eine Mücke zu erschlagen, als einen augenscheinlich verletzten und/oder kranken Wal sterben zu lassen?
Ich muss gestehen, ich hab auf all das keine Antworten. Auch ich erschlage Mücken, zerquetsche Zecken, versuche möglichst alle Motten in meinem Kleiderschrank auszurotten, und habe dem Zünsler in meinen Buxbäumen den Krieg erklärt…
Und dennoch treiben mich diese Fragen um, denn ich merke, sie machen etwas mit mir.
Wann ist ein ein Leben lebenswert? Und wer bin ich, dass ich darüber entscheide? Steckt denn nicht auch in den allerkleinsten Wesen, als Teil der Schöpfung, ein göttlicher Funke? Und wenn ich diese Frage mit ja beantworte, was heißt das für mich persönlich?
Ich werde noch ein wenig daran zu kauen haben denke ich, und bis ich eine Antwort auf all diese vielen Fragen und die, die sich daraus noch ergeben und die, die darauf folgen werden, habe, verfolge ich weiter den Lifestream zum Blockbuster „Die Walrettung“ (Teil 5 – ?) und rette weiter kleine Fliegen aus meinem Saft.
… und wer weiß, vielleicht trage ich dann demnächst auch die Mücken in einem Schraubglas nach draußen, statt sie zu erschlagen… oder, viel besser, sie stechen mich erst gar nicht mehr, weil sie spüren, dass ich es gut mit ihnen meine… wir werden sehen. 😉