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Sag mal, was machst du eigentlich so?

… und wie die Beantwortung dieser Frage nun versehentlich auch zum Plädoyer für die Heiligen wurde. 😉

Ich habe die letzten zwei Jahre damit verbracht eine Heiligenbiographie zu schreiben.
Manch einer, dem ich davon erzählt habe, wenn ich, wie das in neuen Konstellatioen ja durchaus üblich ist, gefragt wurde, was ich denn eigentlich so mache, also arbeite, hat daraufhin die Augenbraue hochgezogen. Auch die Reaktion „Aaaah ja“, war durchaus nicht selten und ich muss gestehen, zu Beginn hat mich das ziemlich verunsichert. War das wirklich die richtige Entscheidung gewesen mir die Zeit zu nehmen dieses Buch zu recherchieren und zu schreiben, wohl wissend in welch privilegierter Situation ich lebe, dass ich mir diese Frage überhaupt stellen konnte …

Nicht selten, wenn ich beginne begeistert von Heiligen zu sprechen, ernte ich zunächst einmal fragende Blicke. Heilige sind kein Thema, dass sofort begeistertes Interesse weckt. Sie sind, um es neudeutsch auszudrücken, irgendwie out, sie hatten ihre Zeit. Heilige, das sind die Typen, die heute noch in den Kirchen thronen, hoch droben auf ihren Sockeln, oder auch als Fresko auf einer Wand verewigt und die man besichtigt, wenn man im Urlaub eine der vielen Gotteshäuser aufsucht, die ja doch in manchen Orten, schon fast inflationär auf engstem Raum stehen. Mystische Gestalten, die für die Menschen im Mittelalter einmal von Bedeutung waren, als man vermeintlich noch nichts von den Naturwissenschaften wusste und die man bei allen möglichen Sorgen und Nöten anrief, damit sie Krankheiten heilten, Gewitter verhinderten und die kleineren alltäglichen Probleme für einen lösten. (Wobei ich durchaus nicht unerwähnt lassen möchte, dass man auch heute noch gerne den heilige Antonius bemüht, wenn man mal wieder die Brille oder den Autoschlüssel verlegt hat, aber natürlich nicht ohne zugleich zu betonen, dass man daran ja eigentlich nicht glaube 😉 ).

Dass man also, so wie ich, seine Zeit damit verbringt, Geschichten, oder gar ein ganzes Buch über Heilige zu schreiben, scheint für einige Menschen doch ziemlich absurd zu sein.

Oftmals wurden die oben erwähnten Gespräche dann damit beendet, dass man, augenscheinlich, weil man mich irgendwie doch mochte oder sympathisch fand, versuchen wollte meinen guten Ruf zu retten, in dem man mir, nach kurzem Überlegen, mit deutlich entspannterem Gesichtsausdruck mitteilte: „Ah, du schreibst also historische Romane!“.

Das klang scheinbar schon besser. Während Autoren, die Heiligenbücher und andere Glaubensliteratur verfassen, hin und wieder auf Unverständnis und auch Misstrauen stoßen (man sollte nicht meinen, wie viele Menschen sich davor fürchten, man wolle sie missionieren), genießen Verfasser historischer Romane in unserer Gesellschaft, ein gewisses Ansehen. Die genauen Gründe dafür kenne ich nicht, aber vielleicht liegt es mit daran, dass ich nach der Lektüre eines solchen Buches immer noch sagen kann, dass ich etwas über die geschichtlichen Zusammenhänge der jeweiligen Zeit gelernt hätte. Vorausgesetzt natürlich der Autor hat die Inhalte seines Werkes gründlich recherchiert, wovon ich jetzt bei den allermeisten aber doch ausgehe.

In gewisser Weise ist die Aussage, ich würde historische Romane schreiben auch durchaus sachlich korrekt. Schließlich muss auch ich mich, wie der Autor eines solchen Buches, eingehend und umfassend mit der Zeit, in der der Heilige lebte, befassen. Ich muss ihn einbetten können in seine natürliche Umgebung, mit all ihren Alltäglichkeiten und Besonderheiten. Ich brauche eine Vorstellung von den politischen, gesellschaftlichen, kirchlichen und kulturellen Umständen, um die Menschen in ihrem Kontext verstehen und nicht zuletzt auch um die vorhandenen Quellen korrekt lesen zu können. In gewisser Weise unterscheidet sich diese Vorarbeit in manchen Bereichen nicht sehr von der eines Historikers oder eben dem Verfasser eines historischen Romans. Und doch regt sich in mir immer der Widerspruch, wenn ich mit diesem Vergleich konfrontiert werde.


Lange habe ich nicht verstanden warum, denn ehrlich gesagt schmeichelt es mir schon, wenn mich jemand, ob der Tatsache, dass ich einen Roman verfasse, mit großen, bewundernden Augen ansieht – bei wem wäre es auch nicht so? Und wahrscheinlich macht es für den größten Teil der Menschen auch gar keinen Unterschied, ob ich mich als Autorin eines historischen Romans oder einer Heiligenbiographe sehe, aber für mich – und wahrscheinlich auch für andere Autoren, die Bücher über besondere Persönlichkeiten schreiben, zu denen sie im Laufe ihrer Arbeit eine Beziehung entwickelt haben – gibt es diesen.

Für mich geht es nicht primär darum eine möglichst packende, emotionale und abenteuerliche Geschichte zu erfinden oder zu erzählen, deren bloßes Anliegen es ist, Menschen zu unterhalten und ihnen eine Oase der Entspannung in ihrem, oftmals hektischen Leben zu schaffen.
Nur damit wir uns nicht falsch verstehen, natürlich freue ich mich, wenn mir dies mit meinen Büchern ebenfalls gelingt, aber es ist nicht mein eigentliches Ziel.

Wenn ich einen Text über heilige Menschen schreibe, dann geht es mir darum diesen einen, historischen Menschen von den verschiedensten Seiten zu beleuchten und zu durchdringen. Es geht mir darum sein Leben, sein Fühlen, sein Handeln, seine Beziehung und seinen Weg zu und mit Gott zu bezeugen und ihn dadurch so, wie er sich mir offenbart, wieder zum Leben zu erwecken.
Ich möchte, ebenso wie die unzähligen Heiligenbiographen vor mir versuchen, das Wirken Gottes in diesem einen Menschen, über den ich schreibe, sichtbar und erfahrbar werden zu lassen.

Ich tue dies, getragen von der Hoffnung, dass genau das hin und wieder dazu führen kann, dass leise und mitunter unscheinbare Wirken, das „Glitzern“ Gottes auch in unserem eigenen Leben zu entdecken und/oder dass es eine Sehnsucht danach weckt ihm auf die Spur zu kommen.

Es ist nicht notwendig, dass wir in unserem Leben große Heldentaten vollbringen wie es in den großen Heiligenlegenden des Mittelalters so oft geschieht. Wir müssen keine Prinzessinnen vor Drachen bewahren, keine Toten wieder auferwecken, nicht dafür sorgen, dass sich Brot in Rosen verwandelt und auch nicht trockenen Fußes über den nächsten See oder Fluss waten. Darum geht es nicht – und by the way, die meisten dieser Legenden entstanden erst lange Zeit nach dem Tod derjenigen, die diese Wunder angeblich vollbracht haben sollen.

Nein, es geht darum, wahrhaft ganz und gar Mensch zu sein und uns dabei in all dem, was wir tun und denken, immer mehr und immer wieder von dem leiten zu lassen, was uns letztendlich allen gegeben ist, ob wir uns dessen gerade bewusst sein mögen oder nicht: Von unserem Glauben an das Gute, der Liebe, unserem Mitgefühl und ganz besonders von unserem Vertrauen in Gott, das Leben oder wie immer man es für sich selbst definieren möchte.

Die Heiligen, über die ich schreibe und noch schreiben möchte sind Menschen wie du und ich. Menschen die lieben, lachen, leben, feiern, die suchen, fragen und auch zweifeln. Die mitunter leiden, ihren Glauben an Gott und die Welt fast verlieren und dennoch weitergehen in der Hoffnung darauf, dass am Ende alles richtig werden wird. Gefühle, wie auch jeder von uns sie erlebt.

Ich schreibe über Menschen, die immer wieder auch um diese Hoffnung kämpfen. Nicht mit Drachen und Ungeheuern, die ihnen irgendwo begegnen, sondern mit den Dämonen in ihrem Inneren, die auch jeder von uns kennt. Diese boshaften, mitunter verführerischen leisen Stimmen, die in uns so manches Mal ein Gefühl der Minderwertigkeit, der Scham, der Hoffnungslosigkeit hervorrufen und uns damit unter Umständen handlungsunfähig machen.

Wenn man sich ernsthaft mit den Heiligenlegenden beschäftigt, begegnet man in den meisten ihrer Geschichten die jenseits der frommen Legenden liegen, genau diese Kämpfe. Das Ringen darum was richtig ist. Die verzweifelte Suche nach dem Weg zu sich selbst und der damit verbundenen Berufung, diesen ureigensten Weg, der sich dann so oft auch als der Weg zu Gott herausstellt.

Heilige können auch heute noch etwas mit uns zu tun haben. Mit jedem und jeder Einzelnen.
Wenn wir es schaffen uns darauf einzulassen und beginnen ihnen zuzuhören, dann bergen diese Leben eine Quelle der Inspiration und Weisheit, die bis in unsere Zeit hinein wirken kann.
Das zu ermöglichen, es so zu übersetzen, dass es verständlich werden kann, sehe ich als eine meiner Aufgabe.

Das ist also das, was ich (neben anderen Dingen) so mache.
Ich bin eine Heiligenbiographin.
Und das fühlt sich gut an! 🙂


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