Die Welt spielt verrückt, vor Poel liegt ein Wal im Sterben, die Bürgermeisterwahlen in unserer Nähe sind (erstmal) vorbei und von der Decke im Flur unseres Mehrfamilienhauses tropft es…
Eigentlich reicht mir jeder einzelne dieser Umstände schon um mich wieder in meinem Bett, unter meiner Decke zu verkriechen…
Ich bin ehrlich, es nimmt mich mit zu wissen, dass nur wenige km Luftlinie von mir entfernt ein solch majestätisches Tier wie der dort gestrandete Buckelwal liegt. Schwer krank und den Experten nach auch nicht mehr zu retten. Ein Lebewesen, welches allein durch seine schiere Größe eine Macht und Stärke ausstrahlt, die die Schwäche, die es daran hindert sich wieder auf den Heimweg in die Nordsee zu machen nur schwer aushaltbar macht. Auch für mich. Und doch weiß ich, dass ich nichts tun kann. Alles was mir bleibt ist der Natur ihren Tribut zu zollen und insgeheim tagtäglich doch noch für ein Wunder zu beten…
Ebenso schwer zu ertragen ist für mich davon zu hören wie die Menschen, die mehrfach ihr möglichstes getan haben um den Wal zu retten und die seit vielen Tagen rund um die Uhr alles tun um dem Tier beizustehen und sein Leiden zu linden wo immer sie können angefeindet, beleidigt und sogar mit dem Tode bedroht werden.
Leid aushalten ist schwer. Die eigene Machtlosigkeit erleben ebenso. Zur Tatenlosigkeit verdammt sein und die Hilflosigkeit ertragen die das Leiden eines Tieres oder eines Menschen in uns auslöst und genau zu wissen, dass man selbst keine Handhabe hat um irgendetwas daran ändern zu können schmerzt oftmals mehr als wenn man es selbst ertragen müsste.
All dass weiß ich, nicht zuletzt auch aus eigener, schmerzhafter Erfahrung.
Und doch kann die Lösung für unseren Schmerz und unsere Trauer niemals sein andere zu beleidigen und zu bedrohen. Damit erzeugen wir weiteres Leid aber lösen keine Probleme. Und auch wenn es uns kurzzeitig Linderung versprechen mag, der Schmerz bleibt.
Doch was kann helfen in solchen Momenten?
Mir selbst hilft es meist einen Schritt aus mir heraus zu treten und zu versuchen die Situation aus der Perspektive eines Außenstehenden zu betrachten, denn sind wir ehrlich: Unsere Emotionen sind selten die richtigen Ratgeber in solch komplexen und angespannten Situationen.
Wenn wir diesen Schritt schaffen, können wir beginnen uns umfassend und bei den unterschiedlichsten Stellen zu informieren welche Möglichkeiten es gäbe, was bereits versucht wurde, was in meiner eigenen Vorstellung helfen könnte und vor allem auch, was demjenigen helfen könnte, der der Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist.
Es kann passieren, dass wir das eine oder andere Mal so auf einen Gedanken kommen, den vor uns noch keiner hatte und der sich letztenendes als DIE zündende Idee herausstellt, die alles zum positiven verändern kann.
Vielleicht kommen wir aber auch zu dem Schluss dass unsere menschlichen Möglichkeiten in diesem Moment, an diesem Ort und in dieser Situation tatsächlich an ihr Ende gelangt sind. Und das alles, was wir in unserem, aus verzweifelter Hilflosigkeit erwachsenen Aktionismus am liebsten tun würden, das Leid für denjenigen, den es betrifft nur vergrößern würde. Und an diesem Punkt sollten wir uns spätestens fragen: Wem tue ich einen Gefallen damit, wenn ich meine bisherige Sicht aufrecht erhalte? Geht es mir wirklich darum den Menschen, das Tier, die Sache… zu retten, oder geht es dabei nicht vielleicht vielmehr um mich selbst?
Versteckt sich hinter diesem Drang weiterhin um jeden Preis aktiv zu bleiben und auch dem Drang Menschen zu beleidigen und zu bedrohen nicht vielleicht ein tiefer Schmerz und der Wunsch, eben diesen Schmerz, der sich so oft hinter der Maske der Wut verbirgt, im Zaum zu halten?
Wir leben in einer Gesellschaft, die verlernt hat über Gefühle zu sprechen. Einer Gesellschaft in der allein Stärke und Leistungsbereitschaft zählt, in der Mitgefühl und Traurigkeit oftmals als Schwäche angesehen werden. In der es leichter ist, für einen Wal zu kämpfen als öffentlich um ihn zu trauern. In der es leichter ist die Menschen zu beleidigen und zu verurteilen die es nicht schaffen uns das Leid und den Schmerz vom Hals zu schaffen, als die Bilder eines schwachen, sterbenden Tieres auszuhalten. Ich verstehe das alles. Auch mir ist so manches davon nicht ganz fremd, doch frage ich mich ernsthaft ob das der richtige Weg sein kann…
Vielleicht wäre es wichtiger (neu) zu lernen, dass Gefühle wie Schmerz, Angst und die eigene Hilflosigkeit zu unserem Leben gehören wie das Atmen.
Und dass wir ihnen den Platz und die Aufmerksamkeit einräumen müssen, die sie brauchen.
Wir alle konnten dass schon einmal. Als Kinder.
In unseren ersten Jahren waren unsere Emotionen stetige Begleiter in unserem Leben. Wir lebten sie, lernten mit ihnen umzugehen und wenn es nicht ging, hielten wir sie notgedrungen aus. Sie waren ein fester Bestandteil von uns, untrennbar mit uns verbunden.
Wenn wir es heute mit Kindern zu tun haben, die sehr in ihren Emotionen leben, nennen wir sie „gefühlsstark“. Das sollte uns zu denken geben, denn eben diese Stärke, die wir die ersten Jahre unseres Lebens alle unser eigen nennen dürfen, kehrt sich nur einige Zeit später plötzlich in das Gegenteil um. Mit einem Mal lernen wir, dass diese vermeintliche Stärke sich wohl nur für ganz kleine Kinder ziemt. Dass sie sich für große Menschen „nicht mehr gehört“ und so fangen wir an diesen kostbaren Schatz der Gefühle fest in einer Truhe zu verschließen und den Schlüssel wegzuwerfen…
Vielleicht es an der Zeit ihn wieder zu suchen!
Und vielleicht ist es wert auf diesem Hintergrund einmal über die Bibelstelle (alle Leser, die mit der Bibel und Kirche nichts am Hut haben mögen mir verzeihen, aber ich bin nunmal Theologin ;)) nachzudenken in der es heißt: „Ihr müsst werden wie die Kinder!“
Wenn ich Kinder hier erlebe oder über den Wal sprechen höre, dann sind sie traurig, denn er tut ihnen leid. Es schmerzt sie, dass keiner ihm scheinbar helfen kann. Die Kinder sind mit ihren Gefühlen ganz bei sich und dem leidenden Tier. Sie weinen, sie fragen, sie gehen damit um. Und bereits einige Zeit später laufen sie dem nächsten Schmetterling hinterher und freuen sich an den Schönheiten der Natur. Sie gehen mit dem schweren Gefühl der Trauer um und feiern zugleich das Leben. Sie sind nicht verhaftet. Weder im einen, noch im anderen. Beides hat gleichberechtigt seinen Platz.
Ich denke gerade hier können wir viel von ihnen Lernen, denn in dieser Art zu leben steckt große Freiheit.
Es ist vollkommen in Ordnung zu trauern und diesem Gefühl von Traurigkeit Ausdruck zu verleihen. Genauso ist es in Ordnung wütend zu sein über die Situation und dass sie ist wie sie ist. Alle Gefühle, die in uns in solch einer Situation emporsteigen mögen haben ihre Berechtigung.
Was wir jedoch (wieder) lernen müssen ist, ihnen dieses Recht auch zuzugestehen und mit ihnen in Verbindung zu treten. Wir müssen (wieder) lernen mit ihnen umzugehen und aufhören sie sofort auf andere Menschen umzuleiten in der verzweifelten Hoffnung sie somit loszuwerden. Denn, sind wir ehrlich: Diese Strategie funktioniert nicht. Statt uns von der ungeliebten Emotion zu befreien bleiben wir verhaftet in der Negativität des Gefühls und alles was am Ende übrigbleibt ist Verbitterung.
Gestatten wir uns unsere Gefühle. Erlauben wir es uns nicht nur uns zu freuen und unsere Erfolge zu feiern, sondern auch traurig und hilflos zu sein und manchmal sogar zu weinen. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob ich das wegen einer verpatzen Situation, einem nahestehenden Menschen, dem geliebte Haustier oder einem kranken Buckelwal vor einer kleinen Insel tue. Wer weint fühlt. Und wer (mit-)fühlt ist Mensch!
Trauen wir uns zu fühlen!
Wir haben die Wa(h)l!